Interview mit Burghauptmann Mag. Sahl, – Teil II

17. Juni 2020

1. Im ersten Teil des Interviews haben wir über EU-Projekte der BHÖ gesprochen. Nun trägt die Hofburg Wien seit 2016 das Europäische Kulturerbe-Siegel (EHL), das ebenfalls auf einer Initiative der EU-Kommission, gemeinsam mit dem Europäischen Parlament, basiert.

Ja, das stimmt. Wir, also die Burghauptmannschaft Österreich, haben uns 2015 um die Verleihung des Kulturerbe-Siegels beworben. Es war und ist uns ein Anliegen, die große Bedeutung der Hofburg Wien innerhalb Europas hervorzuheben. Also haben wir uns daran gemacht, den ziemlich umfangreichen Antrag auszufüllen, in dem die Rolle der Hofburg Wien im Lauf der Europäischen Geschichte beschrieben und dargestellt wird.

Und dann war wieder mal Warten angesagt. Die eigentliche Verleihung war dann 2016 – in einem feierlichen Festakt. Davor wurde auch ein professionelles Video gedreht über die Hofburg Wien. Ich durfte von der Entwicklung der Hofburg Wien über die Jahrhunderte erzählen. Von der mittelalterlichen Burg zur heutigen Großanlage – inklusive Sitz des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers.

Das Siegel selbst gibt es ja erst seit 2013. Seit damals werden die bedeutendsten Europäischen historischen Stätten mit dem Kulturerbe-Siegel ausgezeichnet. Und es ist schon eine Ehre da dazu zu gehören.

Zu der Zeit gab es in Österreich nur einen einzigen Träger des Siegels und zwar Carnuntum. Wobei Carnuntum als ehemalige Römersiedlung mit Militär- und Bürgerstadt genauso einzigartig ist, wie die Hofburg Wien als jahrhundertelanges Machtzentrum des Habsburgerreichs.

Da haben wir uns gedacht, die Hofburg Wien als Veranstaltungsort des Wiener Kongresses 1814/15 ist ein logischer Kandidat für dieses Siegel. Noch dazu wo im Jahr 2015 die 200-Jahr-Feiern dieses Europäischen Großereignisses stattgefunden haben…

1.a. Was genau waren die Gründe, dass sich die BHÖ für die Verleihung dieses Siegels beworben hat?

Da gibt es mehrere, aber der wichtigste war in jedem Fall eine Wiedererkennbarkeit für die Hofburg Wien zu schaffen. Überlegen Sie einmal: als Sie heute in die Hofburg gekommen sind, wo genau haben Sie das Areal betreten? Nicht das Gebäude, sondern das Areal der Hofburg Wien!

Es ist ja den wenigsten bewusst, wie riesig die Hofburg Wien – also das Areal der Hofburg Wien – eigentlich ist. Immerhin mehr als 240.000 m² – fast so groß wie 34 Fußballfelder!

Und bis heute wird von den meisten BesucherInnen nicht wahrgenommen, was alles zu diesem Areal gehört.

Es reicht immerhin von der Albertina bis zum Volksgarten und vom Michaelertor bis zum Museumsquartier – den früheren Hofstallungen; ist also im Grunde eine Stadt in der Stadt. Bildlich gesprochen wird die Hofburg Wien allerdings nur in ihren Puzzleteilen wahrgenommen – quasi nur die Bezirke, aber nicht die Stadt an sich, nicht als Ganzes, als Einheit.

Diese Einheit ist wiederum das Einzigartige an der Hofburg Wien – immerhin ist sie der flächenmäßig größte europäische Profan-Gebäudekomplex, mit 18 Trakten, 19 Höfen und 2600 Räumen. Meines Wissens ist nur der Vatikan größer als die Hofburg Wien und das heißt schon was.

Unser erklärtes Ziel ist es, mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel auf diese Gesamtheit bzw. Einheit und dessen Bedeutung für die Europäische Geschichte hinzuweisen. Und natürlich lässt sich das Areal in seiner Einzigartigkeit auch leichter und besser vermarkten.

Außerdem können wir vermehrt Synergy-Effekte erzielen, wenn die NutzerInnen – damit meine ich die Museen und Galerien, die Veranstaltungsräumlichkeiten, die Nationalbibliothek, die Hofreitschule und alle anderen Einrichtungen, die alle Teil des Hofburg Wien Komplexes sind, als Einheit wahrgenommen werden.

Auch die Vielfalt der Hofburg Wien zu zeigen war einer der Gründe für die Einreichung unseres Antrags für das Europäische Kulturerbe-Siegel. Tatsächlich hat die Hofburg Wien alle Elemente einer Stadt in der Stadt:

Sie ist Lebensraum – wenn Sie so wollen „LebensHof/burg“, Wirtschaftsraum oder „Wirtschaftshof/burg“, Lern- und Spielraum, wobei Sie auch da Raum mit Hof/burg ersetzen können. Die Hofburg mit all den Grünanlagen ist natürlich Naturraum, aber auch Forschungsraum, Kreativraum und vor allem Macht- respektive Prachtraum – mit herrlichen Bauwerken, Räumlichkeiten und Monumenten. Diese Vielfalt in einem historischen Komplex findet sich sonst nur in historischen Städten. Die Hofburg ist allerdings keine Stadt im herkömmlichen Sinn.

Gleichzeitig bietet sie aber alle Elemente einer Stadt und ist schon allein dadurch etwas Besonderes. Das Kulturerbe-Siegel hebt diese Besonderheit noch stärker hervor und betont die historische Bedeutung der Hofburg Wien für Europa. Etwas, auf das wir mit Recht stolz sein können und das unbedingt für künftige Generationen erhalten werden muss.

1.b. Was soll mit diesem Siegel erreicht werden?

Wie gesagt sind die Hauptziele die Wiedererkennbarkeit und der Gesamtauftritt des Hofburg Areals; dazu haben wir 2016 ein NutzerInnenboard ins Leben gerufen. Eine Art Generalversammlung aller NutzerInnen und der Burghauptmannschaft als „Verwalterin“ des Areals. In diesem Gremium werden Probleme offen präsentiert, ausgiebig diskutiert und darauf basierend werden dann Lösungen erarbeitet. Ein gutes Beispiel für die neue Zusammenarbeit ist das Weltmuseum, über das wir im ersten Teil des Interviews gesprochen haben. Ohne die gemeinsamen Überlegungen gäbe es heute kein Besucherzentrum Hofburg Wien.

Ein anderes Beispiel sind Veranstaltungen, die immer für Unruhe unter den NutzerInnen sorgen. Da sind tausend Dinge zu beachten und im Detail zu besprechen, damit die Veranstaltung selber reibungslos über die Bühne gehen kann UND die tägliche Arbeit der NutzerInnen möglichst wenig beeinträchtigt wird.

Durch das Kulturerbe-Siegel fühlen sich die NutzerInnen jetzt mehr als Teil eines Ganzen. Heute sehen die NutzerInnen das Hofburg Wien Areal als ihr Gebiet, in dem zum Besten aller die Dinge gemeinsam geregelt werden. Das Siegel ist sozusagen die Klammer, die alles zusammen hält.

Denn von diesem Kulturerbe-Siegel profitieren ja auch alle, die Teil dieses Komplexes sind:

Erstens ist das Ganze ja immer mehr als die Summe seiner Teile, wie es so heißt. Im Fall der Hofburg Wien bedeutet das eine Bündelung der Interessen und eine Planung, die alle einbezieht. Dadurch vermeiden wir später böse Überraschungen, weil wir etwa eine Auswirkung auf eine NutzerIn übersehen oder falsch eingeschätzt haben. Heute werden die NutzerInnen in Entscheidungen eingebunden und prüfen alle Eventualitäten schon im Vorfeld. Damit wird ein Ergebnis erzielt, das wirklich allen zu Gute kommt.

Zweitens bietet das Europäische Kulturerbe-Siegel allen NutzerInnen auch eine neue Plattform der gemeinsamen Präsentation, an der wir derzeit noch mit Hochdruck arbeiten. Die neue Website der Hofburg Wien wird demnächst vorgestellt. Auch etwas das es früher nicht gegeben hätte. Nachdem die Hofburg Wien nicht als Gesamtheit gesehen wurde, gab es auch keinen gemeinsamen Auftritt nach außen.

Wer Informationen zur Hofburg Wien sucht, muss das derzeit noch auf zig Webseiten tun – heutzutage ein Unding, da jede/r möglichst auf einen Klick seine Infos finden will. Mit der neuen Website gibt es einen zentralen Anlaufpunkt!

Und zudem hebt das Siegel natürlich drittens die historische Bedeutung der Hofburg Wien und damit Wiens und der Republik Österreichs noch mehr hervor. Als Trägerin des Europäischen Kulturerbe-Siegels ist die Hofburg Wien Teil einer besonderen Gruppe von jetzt 48 historischen Stätten in Europa. Ist dadurch der Kommission und ExpertInnen des Kulturerbe-Sektors bestens bekannt und hat besseren Zugang zu Aktionen, wie Voices of Culture 2018, einer Initiative der EU-Kommission zum Kulturerbejahr.

Und wir, also die Burghauptmannschaft als Eigentümervertreterin, haben die Gelegenheit ergriffen aktiv die EHL Landschaft mitzubestimmen. Seit Herbst 2019 sind wir Koordinator eines einzigartigen Netzwerks, nämlich eines Netzwerks der EHL-Stätten, also der Trägerstätten des Kulturerbe-Siegels. Mit diesem Netzwerk wird die Zusammenarbeit der EHL-Trägerstätten gestärkt und die Marke EHL weiterentwickelt. Alle TrägerInnen sollen von diesem Netzwerk profitieren und da diese Stätten außerordentlich unterschiedlich sind, ist das ganz schön herausfordernd.

Dabei sind die grundlegenden Werte der EU, die ja auch der Auswahl der EHL-Stätten zu Grunde liegen, extrem wichtig. Sie bilden die Basis für eine starke EHL-Marke. Die ist nur so stark, wie die Werte von den Stätten gemeinsam vertreten werden.

So gesehen ist der 13. Oktober ein ganz wichtiger Tag für die EHL Trägerstätten und auch für die Hofburg Wien als Teil des Netzwerks.

2. Welche Aktivitäten wurden im Rahmen des Siegels bisher umgesetzt?

Wie gesagt, ein ganz wichtiges Element ist der gemeinsame Außenauftritt, der mit der Website gegeben sein wird. Bedingt durch technische Herausforderungen, wie eine sinnvolle und funktionale Serverlösung, hat sich der Starttermin für die Hofburg Wien Website in den Winter verschoben. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, lade ich Sie ein, unseren aktuellen Newsletter zu lesen.

Ein genauso wichtiges Element war und ist ein gemeinsames Besucherzentrum. Wie schon einmal betont, war auch das bis vor kurzem nicht gegeben. Wozu braucht man auch ein gemeinsames Besucherzentrum, wenn ohnehin keiner weiß, dass die Hofburg Wien ein Gesamtareal mit einer Vielzahl von Bereichen ist. Durch das EHL Siegel hat sich das verändert und ein Zufall beim Umbau des Weltmuseums hat dann auch den geeigneten Raum angeboten – wir haben im ersten Teil des Interviews darüber gesprochen.

Noch etwas, das ohne das Kulturerbe-Siegel viel schwieriger umzusetzen gewesen wäre, ist unser Leitsystem. Das ist natürlich eng verknüpft mit dem Besucherzentrum und dem barrierefreien Zugang.

Eine weitere Besonderheit ist, dass dieses Leitsystem gemeinsam mit den NutzerInnen und BesucherInnen geplant und umgesetzt wurde. Durch die Einbindung aller Betroffenen haben wir eine sinnvolle und kostenoptimale Lösung entwickeln können.

Teil dieses Leitsystems ist etwas, das uns von gesetzlicher Seite seit 2016 vorgegeben wird: nämlich die Schaffung von Barrierefreiheit. Ein Thema, das in historischen Gebäuden eine besondere Herausforderung darstellt. Hier müssen – vor allem wenn sie unter Denkmalschutz stehen – viele Vorschriften und Besonderheiten beachtet werden.

Heute ist die Hofburg Wien so weit wie möglich barrierefrei – ausgenommen sind natürlich Dachböden, Keller – und logischerweise historische Wendeltreppen.

Und all diese Aktivitäten haben das Ziel, die Hofburg Wien als Stadt in der Stadt mit einer Fülle von „Räumen“ – vom Lebensraum bis zum Forschungsraum – in aller Vielfalt erfahrbar und erlebbar zu machen.

Ein Beispiel:

Die Hofburg Wien als Wirtschaftsraum – Historische Gebäude werden gerne als Geldvernichter gesehen. Das stimmt so allerdings nicht. Logisch kostet die Erhaltung unserer historischen Bauten Geld, sie bringen aber auch welches, indem sie sinnvoll genutzt werden. Bei der Hofburg Wien ist das eindeutig der Fall: die Bereiche und Räume der Hofburg werden vielfältig genutzt.

Von Einrichtungen der Öffentlichen Hand wie der Burghauptmannschaft Österreich, dem Österreichischen Bundesdenkmalamt oder der Präsidentschaftskanzlei. Die berühmtesten und größten Museen Österreichs befinden sich auf dem Areal der Hofburg Wien. So wie das Kunsthistorische und Naturhistorische Museum, die Albertina und das Sisi Museum.

Das Siegel dient als Motor, der dafür sorgt, dass die Erhaltung der Hofburg Wien allen derzeitigen und zukünftigen BesucherInnen und NutzerInnen viel Freude und großen Nutzen bringt.

3. Was ist noch geplant um die Erhaltung des Siegels zu gewährleisten?

Da reicht die Bandbreite von Veranstaltungen und Angeboten für Jugendliche bis zum Ausbau des digitalen Angebots.

Etwas, das zwar bereits passiert, aber noch erweitert und verstärkt werden soll, sind Veranstaltungen mit Bezug zur Hofburg Wien. Damit sind EHL-Tage genauso gemeint, wie eine Teilnahme am Tag des Denkmals. Gemeinsam mit dem EHL Netzwerk werden neue und innovative Aktivitäten geplant und umgesetzt. So soll es eine EHL Sammelmappe mit Infomaterial zu allen Träger-Stätten geben – mit schönen Fotos und schnell erfassbaren Daten. Dadurch präsentieren sich die Stätten als gemeinsames Porträt Europäischer Kultur – für alle zugänglich und erweiterbar mit den neuen EHL TrägerInnen.

Andererseits – vor allem die Zielgruppe Jugendliche muss noch stärker in den Fokus genommen werden, das sagt auch der Panelbericht des Monitorings 2020. Hier haben wir mit der Hofburg Wien eindeutig noch Nachholbedarf.

Im Moment überlegen wir die Umsetzung von sogenannten Themenwegen, die BesucherInnen auf lehrreiche und unterhaltsame Weise an Europäische Werte und ihre Bedeutung innerhalb der europäischen Union heranführen. Das kann auch für MigrantInnen sehr hilfreich sein und bei der Integration unterstützen.

Ein Brettspiel existiert ja bereits – das DKT Hofburg Wien. Hier können die SpielerInnen Bereiche der Hofburg Wien mieten, wobei pachten eigentlich der richtige Ausdruck wäre. Wer nicht aufpasst, landet beim Hofburg-Ball im Aus, weil er/sie zu viel getanzt und getrunken hat.

Und natürlich gibt‘s da noch das EHL Memo, das wir für die EU-Kommission entwickelt haben. Mit diesem Spiel werden die EHL Stätten bildhaft vorgestellt und es wird Interesse für die Träger-Stätten geweckt. Es eignet sich für SpielerInnen aller Altersgruppen und ist ein wunderbares Geschenk für Geburtstag oder Weihnachten.

Etwas, das in Zusammenhang mit geplanten Aktivitäten wichtig ist: Die Kommission überprüft etwa alle 5 Jahre in einem Monitoring-Prozess, ob die EHL Stätte ihr Siegel behalten darf. Eine Trägerstätte kann sich also nicht auf den bisherigen Aktivitäten ausruhen.

Das heißt, die Burghauptmannschaft als Eigentümervertreterin muss sich laufend Gedanken machen, wie die Hofburg Wien sinnvoll weiterentwickelt werden kann und soll. Viele Dinge sind schon initiiert worden, wie eben die genannten Aktivitäten. In unsere EU-Projektplanung fließen solche Überlegungen ebenso ein, wie in andere Planungsschritte. Allerdings ist das Budget immer ein regulativer Rahmen, der manche Ideen schnell wieder sterben lässt.

Das hindert uns jedoch nicht daran, es wieder zu versuchen und nach neuen Methoden Ausschau zu halten, mit deren Hilfe wir unsere Ideen doch noch verwirklichen können. Es bleibt also spannend und die Hofburg Wien hat noch viel Unentdecktes zu bieten.

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