Interview Teil II.

Interview mit Mag. Astrid Huber, Leiterin des Informations- und Weiterbildungszentrum Baudenkmalpflege (IWZB) – Kartause Mauerbach

Mauerbach, 4. Dezember 2019

Im ersten Teil des Interviews haben wir uns vor allem mit dem Weiterbildungsaspekt der Kartause Mauerbach befasst. Welche Themen werden sonst noch behandelt?

Neben der Weiterbildung widmen wir uns in der Kartause Mauerbach auch dem Thema der Forschung. Das auch in internationalen Forschungsprojekten erarbeitete Wissen wird dann in Kursen und Seminaren an Fachleute weitergegeben. Die

Forschungsprojekte befassen sich vorrangig mit historischen Baumaterialien. So gab es einige Projekte zur Kalktechnologie oder zu Romanzement, unter anderem auch EU-Projekte.

Als nationales Forschungsprojekt möchte ich beispielsweise unser Sandprojekt nennen, bei dem wir einen Sandkataster der Natursande Österreichs für die Baudenkmalpflege erstellt haben. Es handelt sich hier um eine Kooperation mit den Kollegen des naturwissenschaftlichen Labors der Abteilung Konservierung und Restaurierung des BDA und dem Verein zur Förderung der Baudenkmalpflege. Zu dem Projekt gibt es auch eine Publikation, die eine Auswahl von 30 Sanden genauer erläutert. Gerade Sande bestimmen ja ganz wesentlich die Eigenschaften von Mörtel. Das Projekt wird derzeit abgeschlossen. Die im Rahmen des Forschungsprojektes erstellte Sandsammlung in der Kartause Mauerbach umfasst derzeit rund 140 Sande aus ganz Österreich und ist natürlich für Fachleute zugänglich.

Alle Sande sind naturwissenschaftlich aufgearbeitet und Informationen wie Sieblinie, Zusammensetzung, Verwendungsmöglichkeiten und Bezugsquellen finden sich in einer Datenbank. Diese steht auch online auf der Homepage des BDA allen Ausführenden in der Baudenkmalpflege zur Verfügung. Insbesondere RestauratorInnen für Architekturoberfläche und Stein, SteinmetzInnen, MaurerInnen und BaumeisterInnen können diese Quelle nun nutzen, wenn sie einen bestimmten Sand suchen: z.B. einen grünlichen Sand mit Glimmeranteil oder einen rötlichen, quarzhaltigen Grubensand für spezielle Steinergänzungen. Bis dato gab es keine Aufstellung aller Natursande in Österreich, auch historisch nicht. Folglich war es für Ausführende oft schwierig, den richtigen Zuschlagstoff für ihren Mörtel zu finden. Insbesondere wenn wir an ungefasste Naturputze denken, kommt dem Sand auch optisch eine entscheidende Rolle zu: die Sande beeinflussen neben der Farbgebung auch die Oberflächenstruktur der Putze. Historisch hat man den Sand immer in der näheren Umgebung gewonnen, da Transporte aufwendig und kostspielig waren. Der Sand und die damit hergestellten Architekturoberflächen spiegelten daher immer auch die Kulturlandschaft einer Region wider.

Heute wird im Bauwesen vorwiegend mit industriellen Fertigputzsystemen gearbeitet. Wenn jedoch historische Oberflächen ergänzt oder rekonstruiert werden sollen, helfen uns diese Systeme nicht weiter. Fertigputzsysteme müssen in der Regel maschinengängig sein, folglich ist die Korngröße sehr fein und spezielle Strukturen lassen sich nicht erzielen; ganz abgesehen von den bauphysikalischen Eigenschaften, die in der Baudenkmalpflege natürlich immer an den Bestand angepasst sein müssen. Die individuelle Zusammensetzung der Mörtel, Bindemittel und Zuschlagstoff in Baustellenmischungen und die Ausführung ist hier ganz entscheidend.

Ein anderes Beispiel der Forschung sind die Projekte, die wir mit der BHÖ gestartet haben – hier möchte ich vor allem das Projekt INCREAS nennen, welches kürzlich von der EU-Kommission genehmigt wurde. Wie auch bei dem Projekt MODI-FY, aus dem ja die European Heritage Academy hervorgegangen ist, geht es auch hier um das Thema Weiterbildung. Die Kartause Mauerbach wird eine entscheidende Rolle spielen, da sie zu einem internationalen Kompetenzzentrum für Baudenkmalpflege und traditionelles Handwerk weiter ausgebaut werden soll. Bereits jetzt sind wir in Fachkreisen weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt. Wir dienten als Vorbild für unsere Nachbarländer wie Tschechien oder die Slowakei, beim Aufbau vergleichbarer Institutionen. Das Projekt INCREAS bietet nun die einmalige Chance, die Kartause Mauerbach als Kompetenzzentrum international noch breiter bekannt zu machen.

Was gibt es noch neben den Bereichen Weiterbildung und Forschung?

Das Thema Service und Beratung haben wir noch nicht angesprochen. Die Kartause Mauerbach ist im Grunde österreichweit das einzig wirklich unabhängige Informationszentrum für alle Fragen der Baudenkmalpflege und Althaussanierung. Wir sind Anlaufstelle für alle am Altbau tätigen Berufsgruppen, die ausführenden RestauratorInnen und HandwerkerInnen, die ArchitektInnen und natürlich auch für die eigene Kollegenschaft, wenn es um baudenkmalpflegerische Probleme geht, die über das Alltägliche hinausgehen. Auch DenkmaleigentümerInnen, EigentümerInnen alter Häuser, helfen wir gerne weiter, z.B. wenn sie ein Problem mit feuchten Wänden, Hausschwammbefall, undichten Fenstern oder einem Fassadenanstrich haben.
Aktuell habe ich gerade eine Anfrage zum Thema Sichtbetonsanierung und Ölanstrich auf Holzfenstern auf dem Tisch – wir behandeln alle Fragen, die ein historisches Gebäude betreffen von der Trockenlegung über die Fassadeninstandsetzung bis zur Dachdeckung mit Altmaterial.

Üblicherweise, wenn Sie sich mit ihrem Problem an eine spezielle Firma wenden, wird man versuchen ihnen das firmeneigene Verfahren oder Produkt zu verkaufen – eine unabhängige fachliche Beratung zum Thema ist schwer zu bekommen. Oft sind die empfohlenen Maßnahmen auch unnötig weitreichend – es wird womöglich mit Kanonen auf Spatzen geschossen, anstatt den Weg der kleinen Schritte zu gehen, der meist wirtschaftlicher und substanz-schonender ist. Hier bietet das BDA als Informationszentrum für Baudenkmalpflege in der Kartause Mauerbach eine unkomplizierte, unabhängige und auch unentgeltliche Alternative.

Im Moment haben wir 5 bis 10 Anfragen pro Woche und beantworten diese meist telefonisch oder per Mail, manchmal sind auch Ortstermine vorgesehen. Unser breites Netzwerk von Fachleuten in allen Bereichen des traditionellen Handwerks und der Baudenkmalpflege, unterstützt uns zusätzlich bei speziellen Anfragen. Die meisten Fragen betreffen jedoch allgemeine Themen, wie z.B. die Eigenschaften moderner Beschichtungssysteme im Vergleich zu traditionellen Anstrichen. Auch hier sind wir entsprechend gut aufgestellt und kennen die aktuellen Produkte, insbesondere die Putz- und Anstrichsysteme am Markt. Oft hilft es schon, die richtigen Fragen zu stellen, um den/die EigentümerInnen bzw. auch die Ausführenden zu unterstützen, eine objektspezifische Entscheidung zu treffen.

Sind das nationale Anfragen oder auch internationale?

Primär handelt es sich um nationale Anfragen, wir aber haben auch Anfragen aus den Nachbarländern. So habe ich gerade eine Anfrage aus Slowenien zu Glasbausteinen der Jahrhundertwende bekommen. Die slowenischen Kollegen wissen von unserer Sammlung historischer Gläser und wir konnten anhand der zugeschickten Fotos die Glasbausteine datieren und den ursprünglichen Hersteller nennen. Vielleicht gelingt es uns auch noch entsprechendes Ergänzungsmaterial ausfindig zu machen.

Eine ähnliche Anfrage zum Thema Bodenplatten kam vor kurzem aus Tschechien. Auch hier konnten wir in unserer Sammlung von historischen Bodenplatten ein Vergleichsexemplar finden, die Ornamentfliese aus der Jahrhundertwende zuordnen und Altmaterial für die Instandsetzung des Bodens auftreiben.

Damit kommen wir schon zu unserem nächsten Thema, das auch zur Forschung zählt: die Materialsammlungen zur Dokumentation des traditionellen Bauhandwerks. Mit der Gründung unserer Abteilung als Zentrum für historische Handwerkstechniken 1984 hat man auch begonnen traditionelle Werkzeuge, historische Baumaterialien und Architekturdetails zu sammeln und zu erforschen. Die Materialsammlung in der Kartause Mauerbach umfasst heute u.a. eine umfangreiche Fenster- und Türensammlung, eine Sammlung von Holzböden und Parketttafeln, Bodenplatten und Ornamentfliesen, die Ziegelsammlung und die Gesteinssammlung im Lapidarium. Dazu zählt auch die spektakuläre Sammlung von Bau- und Dekorsteinen der Wiener Weltausstellung 1873 mit über 500 Würfeln unterschiedlicher Gesteine. Damals wurden alle Steinbrüche der Monarchie aufgefordert, einen Steinwürfel mit einer Kantenlänge von 6 Zoll (etwa 15,8cm) mit unterschiedlich bearbeiteten Flächen für die Weltausstellung herzustellen. Diese Sammlung ist ein unglaublicher Wissenspool, ein Nachschlagewerk für DenkmalpflegerInnen, SteinmetzInnen und SteinrestauratorInnen, um Natursteine zuzuordnen und um entsprechende Ergänzungsmaterialien zu finden.

Wo wurden diese Steinwürfel aufgefunden?

Die Sammlung kam nach der Wiener Weltausstellung in die Geologische Bundesanstalt in Wien und wurde dort im Keller gelagert. 1998 wurde die Sammlung schließlich von uns übernommen. Durch die lange Lagerung waren die meisten Papieretiketten auf den Würfeln verlorengegangen, auf denen sich die Bezeichnung des jeweiligen Gesteins befand. Im Rahmen eines Forschungsprojektes konnte unser Geologe Dr. Karl Stingl die Steinwürfel wieder den jeweiligen Steinbrüchen zuordnen. Das war eine Herausforderung, da etwa 70% dieser Steinbrüche heute nicht mehr in Betrieb sind – ein spannendes Projekt, zu dem wir auch eine kleine Broschüre publiziert haben.

Die Materialsammlungen in der Kartause dokumentieren das historische Bauwesen und sind für uns eine wichtige Wissensquelle: Sie liefern Informationen zu den traditionellen Konstruktionstechniken und zu Ausführungstechniken, wie z.B. Beschichtungen auf unterschiedlichen Oberflächen, Ölanstrich auf Holzfenstern, Verzinnungen auf Beschlägen etc. Die Sammlungen sind auch immer Teil der Weiterbildung hier im Haus, um Wissen anschaulich zu vermitteln. Auch wird mit den Kursteilnehmern in den Sammlungsdepots praktisch gearbeitet.

Ich sehe hier eine Reihe von kleinen Broschüren – was hat es damit auf sich?

Mit diesen kleinen Auswahlkatalogen versuchen wir unsere Forschungsthemen bzw. Sammlungen anschaulich auch für ein breiteres Publikum aufzubereiten. Bis dato gibt es diese Broschüren zu den Themen Sande, Parkettböden, Fenster und Stein – das nächste Projekt wird sich der Ziegelsammlung widmen.

Ergänzend möchte ich hier unsere Sonderausstellungen erwähnen: Unsere Kurse und Seminare finden vor allem in den Wintermonaten, wenn die Baustellen ruhen, statt. In den Sommermonaten widmen wir uns auch der Öffentlichkeitsarbeit und vermitteln unsere Aufgabenbereiche in Sonderausstellungen und an den Tagen der Offenen Kartause an ein breites Publikum.

Insbesondere EigentümerInnen von historischen Gebäuden nutzen hier die Möglichkeit sich fachlich beraten zu lassen. Eines der gefragtesten Themen derzeit ist die Beständigkeit von Kastenfenstern und deren Beschichtung mit Ölfarbe. Was tun bei abplatzenden Lacken, wo finde ich einen Handwerker, der mein Kastenfenster reparieren und wieder mit Ölfarbe streichen kann und worauf muss ich in der Pflege und Wartung selbst achten? Gerade Kastenfenster haben bleibend gute Dämmeigenschaften, wenn sie entsprechend erhalten werden. Sie sind, betrachtet man Nachhaltigkeit und Lebenszykluskosten, kaum zu toppen.

Diese Fenster werden auch in weiteren hundert Jahren noch ihre Funktion erfüllen, sofern sie entsprechend gewartet werden. Hier hat sich der Ölanstrich über Jahrhunderte bewährt, er erlebt aktuell wieder eine Renaissance. Lacksysteme sind dicht, eindringendes Wasser kann nicht abgegeben werden und das Holz unter dem Lack beginnt zu modern. Die Ölfarbe hingegen bleibt immer dampfdiffusionsoffen, versprödet nicht und ist zusätzlich reparaturfähig und pflegbar – das heißt ich kann angewitterte Oberflächen einfach überstreichen ohne frühere Anstriche abnehmen zu müssen.

Wir müssen wieder zurück zur Tradition der Pflege und Wartung finden – wenn wir dieses Wissen wieder aufgreifen und uns in diese Tradition eingliedern, werden wir unsere historischen Gebäude mit ihren typischen Fenstern, mit ihren Türen, den Putzen und Anstrichen an künftige Generationen weitergeben, so dass sie auch noch Freude daran haben. 

Haben diese Kastenfenster gute Werte?

Ja. Der Luftpolster zwischen den Fensterebenen schafft bleibend gute Dämmeigenschaften und wirkt sowohl Schall als auch Wärme isolierend. Isoliergläser, die heute am Markt angeboten werden, toppen die Werte der Kastenfenster zwar, sind jedoch nicht nachhaltig. Sobald sich die Gase in den Zwischenräumen dieser Gläser verflüchtigt haben, verschlechtern sich die Dammeigenschaften. Das drückt sich auch in den Garantiezeiten der Isolierglasscheiben von etwa 10 Jahren aus. Leider wird diese Entwicklung bei Entscheidungen oft nicht mit einkalkuliert und es werden ausschließlich aktuelle Werte miteinander verglichen – der Lebenszyklus eines Gebäudes wird nicht berücksichtigt!

Isolierglasfenster sind auch nicht reparaturfähig und müssen nach Ablauf ihrer Zeit komplett erneuert werden. Bei vielen historischen Gebäuden (die nicht unter Denkmalschutz stehen) wurden und werden Kastenfenster und auch Parkettböden herausgerissen und durch „Einwegprodukte“ wie Kunststofffenster, Klickparkett oder womöglich Laminat ersetzt. Diese Böden haben dann eine Halbwertszeit von fünf bis zehn Jahren, können aber nicht repariert werden. Das war mit ein Grund, warum wir diesem Thema eine Sonderausstellung zu historischen Holzböden gewidmet haben – um Bewusstsein in der Öffentlichkeit für diese Werte zu schaffen.

Über Jahre gesehen – und in der Denkmalpflege denken wir zumindest in Jahrzehnten – ist die Erhaltung, Wartung und Pflege des Bestandes immer nachhaltiger, wirtschaftlicher und auch ökologischer. „Unsere historischen Gebäude sind gebaute Energie“ um den Burghauptmann Reinhold Sahl zu zitieren und folglich per se auch energieeffizient. Gerade heute, wo Umwelt- und Klimaschutz für jeden von uns immer wichtiger werden, sollten historische Bestände, wie Kastenfenster, Parkettböden und meterdicke Mauern, erhalten werden, um möglichst schonend mit unseren Ressourcen umzugehen. Jedes reparierte alte Fenster und jeder instandgesetzte historische Holzboden schont die Umwelt und verhindert Müllberge!

Mehr zu The European Heritage Academy hier.

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